Ausbildung oder Studium? Die Jobs mit den besten Einstiegsgehältern

With a commentary by

Adrian Würtz

Manager / Steuerberater

Es wird eine Zukunft im Überfluss, sagte der US-Milliardär und Unternehmer Elon Musk vor ein paar Tagen in einem Interview mit dem Magazin „Economist“. Denn die Künstliche Intelligenz (KI) könnte dem Menschen in fast allen Situationen überlegen sein – und in der Welt der Zukunft fast jede Arbeit übernehmen. Was Musk gerade bewusst optimistisch klingen lässt, beschäftigt aktuell auch mindestens 1,2 Millionen Deutsche.

So viele entscheiden sich laut Statistischem Bundesamt jeden Sommer zwischen Ausbildung und Studium. Ausbildungsplätze werden traditionell ab August vergeben – und sind im Moment der klare Favorit vieler Bewerber. Das zeigt eine aktuelle Bertelsmann-Studie: 88 Prozent der Teilnehmer stimmen dort zu, dass eine Berufsausbildung heute eine „gute Grundlage“ für die Zukunft sei. Die akademische Laufbahn bleibt zwar beliebt, landet aber nur noch „auf Platz zwei“. Tatsächlich zeichnet sich ab, dass Ausbildungsjobs im Vergleich immer attraktiver werden. KI ist ein Grund dafür – aber auch der Personalbedarf und die Gehälter bestimmen mit. In einigen Fällen überschreiten die Bezüge in den Ausbildungsberufen mittlerweile schon die von Akademikern. Welche? Und wie eindeutig ist diese neue Antwort auf eine der ältesten Ausbildungs-Fragen? WELT hat die Lage analysiert.

Klar ist: Azubis werden gerade in Zukunfts-Jobs gesucht, wenngleich die Zahl der offenen Stellen insgesamt laut Bertelsmann leicht rückläufig ist. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) rechnete vergangenes Jahr 215.000 offene Stellen für Fachkräfte mit Ausbildungsabschluss aus, gegenüber 118.900 Jobs für Akademiker. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) sieht Akademiker schon jetzt „nicht mehr wie früher immun gegen Schwierigkeiten“. Die Arbeitslosenquote unter Akademikern ist zwar traditionell gering, aber: Sie liegt aktuell mit 3,3 Prozent klar über dem Niveau vor 2020. Damals waren es noch 2,1 Prozent.

Und auch die Bezahlung ist für die Entscheidung natürlich von großer Bedeutung. Akademiker starten typischerweise mit 25,5 Jahren ins Berufsleben, wie das Statistische Bundesamt (Destatis) für 2024 angibt. Beschäftigte in Azubi-Jobs bekommen in diesem Alter im Schnitt schon seit zweieinhalb Jahren ein volles Gehalt. Trotz des späteren Berufseinstiegs, so die Idee, holen die Akademiker den Nachteil dank ihrer besseren Qualifikation wieder auf. Laut Experten nimmt dieser Effekt im Moment aber ab: Selbst Ungelernte konnten zuletzt höhere Lohnsteigerungen erzielen als Akademiker. „Die Löhne von Akademikern und Nicht-Akademikern sind in den 2000ern und 2010ern weiter auseinandergegangen“, sagt Tobias Brändle, Ökonom am Tübinger Institut für angewandte Wirtschaftsforschung (IAW). Im Durchschnitt hätten Akademiker im Alter von 35 Jahren trotz der kürzeren Zeit im Job insgesamt schon mehr Gehalt verdient als ihre Kollegen mit Berufsausbildung. Das sogenannte Brutto-Lebensentgelt auf Spezialisten-Stellen, die oft ein Studium voraussetzen, lag laut IAB 2022 im Schnitt bei 2,36 Millionen Euro. Die geringer qualifizierten Fachkräfte verdienten über ihre gesamte Karriere 1,7 Millionen Euro. „Aktuell holen Personen mit Berufsausbildung wieder auf“, sagt Brändle.

Doch diese Differenz ist nur ein theoretischer Wert. Denn die Rechnung lässt viele Faktoren außen vor. Wer eine Ausbildung macht, hat auch früher ein Einkommen, das er investieren kann. Ausbildungsplätze sind laut Destatis im Schnitt ebenfalls mit etwa 1200 Euro brutto vergütet, während ein Studium Geld kostet. Selbstständige – unter allen Gründungen machen jene von Akademikern laut neuem KfW-Gründungsmonitor nur ein Drittel aus – fallen aus der Berechnung ganz heraus. Und am wichtigsten: Diverse Ausbildungs-Jobs sind nach der Ausbildung mittlerweile auch noch klar besser bezahlt als manche Position nach dem Studium.

Das zeigt ein Vergleich der Bruttojahresgehälter auf Basis von Daten des Karriere-Portals Stepstone*. Die Grenze, auf die es dabei ankommt: 45.000 Euro. So hoch ist das Median-Einkommen nach der Uni laut den Experten. Viele Jobs, für die eine Lehre reicht, zahlen mittlerweile mehr. Chemikanten können etwa mit 53.250 Euro Gehalt pro Jahr rechnen, Kaufleute im Digitalisierungsmanagement mit jährlichen Bezügen von 53.000 Euro. Auch unter den Top Ten: Softwareentwickler, Pharmakant, Informatiker, Mechaniker im Flugzeugwesen oder auch klassische Pflege-Fachkräfte.

Klar: Ohne Studium fällt das Mediangehalt in den meisten Jobs niedriger aus. Etwa 17.000 Euro pro Jahr, schätzt Stepstone. Und ohne Selbstständigkeit oder Meister, die auch laut Brändle „über große Teile des Berufslebens hinweg kumuliert mehr“ verdienen, sind beim Gehalt Grenzen gesetzt. Wer sich aber gleich für den richtigen Wirtschaftszweig entscheidet, hat dennoch eine hervorragende Gehaltsperspektive und könne einen „so großen Vorsprung“ entwickeln, „dass dieser in den Daten nicht aufgeholt wird“, sagt Brändle.

Das gleiche gilt übrigens fürs Studium. Und gerade Fächer mit guter Gehaltsperspektive fallen bei deutschen Studenten oft durch. Die Zahl der heimischen Betriebswirtschaftslehre-Studenten sinkt seit Jahren. Für die besonders zukunftsrelevanten MINT‑Fächer rechnete der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) in einer Pressemitteilung zuletzt mit einem Rückgang der Studienanfänger von mehr als 20 Prozent. Alles, während die Zahl der Studenten insgesamt Rekordhöhen erreicht: Fast drei Millionen Studenten gibt es aktuell. Auch deshalb, weil die Hochschule in Deutschland vergleichsweise äußerst günstig ist.

Laut Destatis kostete ein Bachelor-Abschluss die Hochschulträger 2022 im Schnitt 36.500 Euro. Wer Forstwirtschaft studiert, verursacht sogar Ausgaben von mehr als 55.000 Euro. Großteils wird der Betrag über Steuergeld finanziert, Studiengebühren fallen kaum ins Gewicht. Experten mahnen zwar, dass sich die Investition meist lohne, aber: Es ist auch diese steuerliche Förderung, die dazu beiträgt, dass Akademiker später so schnell beim Gehalt aufholen. Trotz Skepsis der Studenten und dem höheren Azubi-Bedarf am Markt, liegt die Studienanfängerquote eines Jahrgangs aktuell somit weiter bei sagenhaften 58 Prozent.

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) sprach im vergangenen Jahr von „Überakademisierung“. Ein Eindruck, den Firmen teilen dürften, schätzt Stepstone. Die Zahl der Abschlüsse ist so hoch, dass Firmen sich kaum noch allein mit Zeugnissen überzeugen lassen. „Wir beobachten generell, dass Unternehmen bei der Einstellung zunehmend auf konkrete Fähigkeiten und Berufserfahrung achten“, heißt es auf Anfrage von Stepstone. Formale Abschlüsse würden als „primäres Auswahlkriterium an Bedeutung verlieren“. Das merken auch die Hochschüler. Laut Umfragen der DIHK aus dem vergangenen Jahr brachen 9,7 Prozent aller Azubis in Deutschland vor ihrer Lehre ein Studium ab. Das Karriere-Portal Indeed fand heraus, dass sich unter Studenten 52 Prozent sorgten, dass KI ihre Uni-Fähigkeiten eines Tages entbehrlich machen könnte. Wie in der Vision von Musk, also?

Enzo Weber, Ökonom am IAB, kann hier immerhin beruhigen. Von einer Dystopie, wie sie der Tech-Milliardär Musk prophezeite, sei die Arbeitswelt noch weit entfernt. Der Fokus der generativen KI auf digitale Schreibtischjobs sei vermutlich ohnehin „nur eine Phase“, so Weber. Das nächste große Ding: eine Fusion zwischen KI und Robotik. Die Lage könne sich, sagt Weber, also auch „schnell wieder wandeln“.

BANSBACH kommentiert

Lange war die Rechnung recht einfach: Wer studiert, hat später die besseren Chancen im Berufsleben. Mehr Auswahl, höheres Einkommen, sicherere Karriere. Ganz falsch ist das bis heute nicht. Aber so eindeutig wie früher kommt die Sache eben auch nicht mehr daher. Unternehmen suchen Fachkräfte mit Ausbildung, manche Ausbildungsberufe zahlen inzwischen überraschend gut und gleichzeitig verändert KI gerade jene Tätigkeiten besonders schnell, die bislang als typische Akademikerjobs galten.

Die spannendere Frage ist deshalb nicht, ob mehr Menschen studieren, sondern welche Aussagekraft ein Hochschulabschluss künftig noch besitzt. Wenn akademische Abschlüsse zur Regel werden, verlieren sie zwangsläufig einen Teil ihrer Unterscheidungsfunktion. Unternehmen richten ihren Blick daher zunehmend auf die tatsächlichen Kompetenzen, die praktische Erfahrung sowie die Fähigkeit, sich schnell in neue Aufgaben und Herausforderungen einzuarbeiten. Ein Studium bleibt weiterhin ein wichtiger Qualifikationsnachweis. Es ist jedoch heute weit weniger als früher die automatische Eintrittskarte für eine erfolgreiche berufliche Laufbahn.

Künstliche Intelligenz dürfte diesen Wandel weiter beschleunigen. Aufgaben, die lange als Ausdruck besonderer Fachkenntnis galten, etwa die Recherche von Informationen, das Verfassen von Texten oder die Auswertung großer Datenmengen, können heute bereits in erheblichem Umfang von Software unterstützt werden. Damit wird Wissen nicht unwichtig, aber leichter verfügbar. Umso wertvoller werden Fähigkeiten, die sich schwerer automatisieren lassen: beurteilen, ob ein Ergebnis überhaupt plausibel ist, Verantwortung übernehmen, mit Kunden und Kollegen umgehen, praktische Probleme lösen und Entscheidungen treffen, wenn eben nicht alle Informationen auf dem Tisch liegen.

Das spricht übrigens weder eindeutig für die Werkbank noch für den Hörsaal. Ein guter Handwerker muss heute mit digitaler Technik umgehen können, ein Ingenieur verstehen, was außerhalb seines Modells tatsächlich funktioniert. Und in vielen Berufen werden sich die Anforderungen während eines einzigen Arbeitslebens mehrfach verändern. Vielleicht ist deshalb die wichtigste Frage bei der Berufswahl gar nicht mehr, welcher Abschluss heute das höchste Einstiegsgehalt verspricht. Wichtiger wird, wie viele Wege danach noch offenstehen.

Eine Ausbildung kann zum Meister, in die Selbstständigkeit oder später doch noch an die Hochschule führen. Ein Studium kann durch praktische Spezialisierungen, Weiterbildungen oder einen völlig neuen beruflichen Schwerpunkt ergänzt werden. Solche Wechsel dürften eher häufiger als seltener werden.

Für junge Menschen macht das die Entscheidung nicht unbedingt einfacher. Aber vielleicht nimmt es ihr etwas von der Endgültigkeit. Mit 18 oder 20 entscheidet heute niemand mehr zuverlässig über die nächsten 45 Berufsjahre. Ausbildung und Studium sind deshalb zunehmend weniger fertige Karrierewege als Ausgangspunkte. In einer Arbeitswelt, die sich durch technologische Entwicklungen immer schneller verändert, wird vor allem die Bereitschaft zum lebenslangen Lernen zum entscheidenden Erfolgsfaktor. Es kommt nicht allein darauf an, was jemand gelernt hat, sondern darauf, wie flexibel und kontinuierlich er sich weiterentwickelt.

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