Wenn nichts mehr läuft wie geschmiert

Mit einem Kommentar von

Christian Roth

Steuerberater, Rechtsanwalt

Mit dem Tod endet jede Feindschaft und jeder Konflikt, sagt man. Wer verstorben ist, möge in Frieden ruhen, heißt es auf Kranzschleifen und in Trauerreden. Als aber der Unternehmer und sogenannte „Butterkönig“ Toni Meggle Ende Oktober dahinschied, strömte eisige Kälte aus den Traueranzeigen.

Meggles zweite Ehefrau Marina teilte nach 30 Jahren Ehe Folgendes mit: „In endloser Liebe bleibe ich bei Dir. Du warst und bist meine goldene Mitte. Deine Pinki mit unseren Hunden und Pferden.“ Dabei erwähnte die Stiefmutter die Kinder und Enkel mit keinem Wort. Meggles Sohn Thomas, genannt „Tom“, zitierte dagegen Rainer Maria Rilke: „Die Zeit heilt nicht alle Wunden, sie lehrt uns nur, mit dem Unbegreiflichen zu leben.“ Und: „In unseren Herzen lebst Du weiter.“ Die drei Kinder wurden nicht zur Trauerfeier eingeladen.

Bei den Meggles ist schon seit Jahren nichts mehr in Butter. Keines der fünf Kinder hat der verstorbene Senior dazu auserkoren, das Imperium fortzuführen – obwohl Thomas schon einige Jahre im Unternehmen gearbeitet hatte. Meggle schnitt die Erben auch vom Unternehmenserfolg ab: Er wollte jedes Kind mit einem Pflichtanteil von 2,4 Millionen Euro abfinden, obwohl den Nachkommen rein rechnerisch eine Summe von 25 Millionen Euro zugestanden hätte. Dies aber hätte die Rücklagen aufgezehrt, meinte der Boss.

Wenig Geld, keine Macht: So düpiert stehen viele Erben da, wenn der erfolgreiche Vater stirbt, aber keinen der Nachkommen für geeignet hält, sein Werk weiterzuentwickeln. Jedes Jahr gehen etwa 38.000 Familienunternehmen in neue Hände über, und bei vielen knirscht und knackt es, wenn die neue Generation übernimmt. Die deutsche Wirtschaft besteht zu 88 Prozent aus Familienunternehmen. Sie erzielen fast die Hälfte der Umsätze und stellen 58 Prozent aller privatwirtschaftlich Beschäftigten in Deutschland.

Es geht also immer um viel. Der Stuttgarter Anwalt Mark Binz weiß, wie schmerzend so ein Übergang sein kann. Er berät die Firmen beim Machtwechsel und kennt die Probleme und Fehler, die eine solche Transition begleiten. „Es dreht sich bei diesen Fällen immer um Macht, Liebe und Geld. Das ist eine schwierige Kombination“, sagt er WELT AM SONNTAG. Mancher genialer Unternehmer sei ein miserabler Familienvater gewesen, so Binz, und zeigt damit auf das Kernproblem: „Männer mit einem großen Ego, die mit viel Macht und Geld ausgestattet sind, müssen lernen, abzugeben.“ Das passt nicht in die Vorstellungswelt dieser Alphatiere.

Zu besichtigen ist dieses Drama seit Jahren bei der Hamburger Familie Block, die sich auf offener Bühne über die Nachfolge des gleichnamigen Unternehmens zoffen. Senior Eugen Block gründete einst die Steakhaus-Kette „Block House“ und das Fünf-Sterne-Hotel „Grand Elysée“, doch keines seiner drei Kinder hält er für geeignet, die Geschicke des Unternehmens in die Hand zu nehmen. Sohn Dirk war vier Jahre lang zusammen mit dem Vater in der Chefetage tätig, bis die beiden sich zerstritten und er das Unternehmen verließ. Der Tochter Christina, einer international ausgebildeten Hotelfachfrau, soll das erzkatholische Familienoberhaupt geraten haben, zu Hause bei den Kindern zu bleiben. Und der jüngste Sprössling Philipp, ein gelernter Erzieher, konnte mit dem Fleischgeschäft gleich gar nichts anfangen.

Schlagzeilen macht die Familie momentan eher im Hamburger Prozess um die Entführung zweier Kinder. Die Staatsanwaltschaft Hamburg beschuldigt Christina Block, ihre beiden Kinder Theo und Klara gegen deren Willen aus Dänemark, wo sie bei ihrem Vater lebten, nach Hamburg entführt zu haben. Dafür habe sie das israelische Unternehmen Cyber Cupula beauftragt, das die Kinder in der Silvesternacht 2023/2024 von der Straße gegriffen und nach Deutschland verschleppt hatte. Christina Block bestreitet, den Auftrag erteilt zu haben; der Chef des Unternehmens behauptete vor Gericht allerdings das Gegenteil.

Da nun alle drei Kinder beim Vater durchgefallen sind, könnte Eugen Blocks Vertrauter, der Rechtsanwalt Andreas C., der Thronfolger werden. Sein Name muss abgekürzt werden, weil er ebenfalls Angeklagter im besagten Verfahren ist – und nach der Aussage des Cyber Cupula Chefs Eugen Blocks Willen, die Enkel wiederzubekommen, exekutiert haben soll.

Ob der Patriarch nun nicht loslassen kann oder den Kindern tatsächlich das Macher-Gen fehlt, weiß niemand. Der 85-Jährige gilt als kauziger Chef, der sich sogar an mikroskopischen Kleinigkeiten wie die Zahl der Löcher in den Salzstreuern im Restaurant aufhalten kann. Unter ihm zu arbeiten, dürfte einem Aspiranten einiges abverlangen. Der vorletzte Geschäftsführer hielt ganze sechs Monate durch, bis er im Sommer verschwand. Allerdings könnte diese Art der Klein-Klein-Kümmerei die Unternehmen erst so groß gemacht haben. Immerhin hat die Gruppe im vergangenen Jahr rund 500 Millionen Euro umgesetzt.

Für Binz ist diese Knauserei geradezu ein Markenzeichen erfolgreicher Unternehmer. „Man kann von den Reichen das Sparen lernen. Sie stehen für eine bestimmte Geisteshaltung, die ein Unternehmen voranbringt.“ Klaus-Michael Kühne, Chef des weltweiten Logistik-Konzerns Kühne und Nagel, habe leere Briefumschläge und Büroklammern zu den Mitarbeitern gebracht, damit sie diese wiederverwenden können. „Marotten bringen dich weiter“, sagt Binz. „Aber in der Nachfolgeregelung hat das Erbsenzählen keinen Sinn. Hier sollte man mit Großzügigkeit und Weitsicht agieren“, rät der Anwalt, der in den vergangenen 48 Jahren an etwa 400 solcher Transaktionen mitgearbeitet hat.

Gegen das Erbe des Industrie-Giganten Hans Hermann Thiele wirkt der Hamburger Steak- und Hotel-Betrieb wie ein Zeitungskiosk: Satte 15 Milliarden Euro wog Thieles Hinterlassenschaft, darunter Beteiligungen an der Lufthansa, Vossloh und dem Stamm-Unternehmen Knorr-Bremse. Der 2021 im Alter von 79 Jahren verstorbene Thiele schaffte es nicht mehr rechtzeitig, die Familienstiftung einzurichten, in die das Vermögen einfließen sollte.

Die Familie ist lange gespalten. Seinen Sohn Henrik verstieß der Vater schon 2015, kurz bevor der in den Vorstand von Knorr-Bremse einziehen wollte. Dessen Schwester Julia Thiele-Schürhoff übernahm 2023 stattdessen eine führende Rolle in der Familienstiftung und beim Unternehmen. Doch gegen das Stiftungs-Konstrukt, das den Fortbestand der Firma sichern und zugleich Konflikte beilegen sollte, ging ausgerechnet die Witwe Thiele vor. Dem Vernehmen nach gingen ihr die Vorstellungen ihres verstorbenen Gatten zu weit – nach ihrem Tod sollte ihr ererbtes Vermögen von angeblich einer Milliarde Euro der Stiftung zufließen. Auch den Nachlassverwalter, der für seine Tätigkeit der Gebührenordnung für Notare zufolge eine dreistellige Millionensumme kassieren sollte, wollte sie absägen, scheiterte aber mehrfach vor Gericht. Erst im Sommer 2024 einigte sich Thiele mit dem Juristen, sodass der Streit beigelegt wurde. Im April soll die Stiftung eine Erbschaftssteuer in Höhe von rekordverdächtigen vier Milliarden Euro gezahlt haben. Nun herrscht Frieden.

Die Summen, über die gestritten wird, sind für die überwiegende Mehrheit der Deutschen mondweit entfernt. Binz weiß, warum sich manche nicht mit 20 Millionen Euro zufriedengeben würden, wenn sie doch hundert Millionen bekommen könnten: „Für viele ist das Geld eine Kennziffer für Gerechtigkeit und Anerkennung.“ Es klingt ein wenig so, als ließe sich Liebe in Eurobeträgen bemessen und Kinder ihrem Vater ihre Wertschätzung in barer Münze abtrotzen wollten. „Ich bin in diesen Fällen tatsächlich mehr Psychologe als Anwalt“, gibt Binz zu.

Dass es nicht unbedingt zum Crash kommen muss, zeigt das Beispiel der Mode-Unternehmerin Iris von Arnim. Sie wollte die Firma in die Hände ihres Sohnes Valentin legen, einem erfolgreichen Banker, der bei Goldman Sachs arbeitete. Die beiden gerieten schnell aneinander, und von Arnim merkte erst Jahre später, dass sie einen fundamentalen Fehler gemacht hatte. „Ich verlangte Wunder von meinem Sohn“, verriet sie dem Magazin „Impulse“. Wie alle meine Entscheidungen habe sie auch diese aus dem Bauch heraus angegangen. „Das war der größte Fehler, den ich hätte machen können“, so von Arnim. Dadurch hätten sie Jahre verloren, die sie viel Streit, Kraft und Enttäuschungen gekostet hätten.

Erst Coaches konnten den offenen Bruch zwischen ihr und dem Sohn verhindern. „Am Ende war es Valentins Erfolg, der uns zusammenwachsen ließ. Ich merkte: Hoppla, das funktioniert ja“, so die Unternehmerin.

Anwalt Binz wundert das nicht. „Es geht immer um das übergroße Ego der Chefs“, so der Berater. „Das hat sie zwar viel erschaffen lassen. Es kann aber auch viel kaputt machen.“

BANSBACH kommentiert

Die im Artikel geschilderten Fälle zeigen, dass die Unternehmensnachfolge nicht nur eine juristische oder steuerliche Formalie ist. Stattdessen ist sie ein stark emotionaler Prozess. Lebenswerke, Familienbeziehungen, Machtfragen und die Verteilung von Vermögenswerten überlagern einander. Gerade deshalb ist eine strukturierte, frühzeitige und professionelle Begleitung entscheidend.

Aus steuerlicher Sicht ist die Nachfolge immer Balanceakt: Der Fortbestand des Unternehmens muss gesichert werden. Familiäre Ansprüche, Pflichtteilsrechte und die steuerliche Belastung müssen in Einklang gebracht werden. Die Beispiele im Artikel zeigen, was passiert, wenn die Balance nicht gelingt. Langjährige Rechtsstreitigkeiten, familiäre Zerwürfnisse und nicht selten massive Steuerzahlungen, die durch bessere Planung vermeidbar gewesen wären lauern da.

Die Zentralen fragen bei der Unternehmensnachfolge sind klar: Wer soll das Unternehmen künftig führen? Soll die Nachfolge innerhalb der Familie erfolgen oder extern? Wie kann Vermögen gerecht verteilt werden, ohne die Liquidität des Betriebs zu gefährden? Und welche steuerlichen Instrumente – etwa vorweggenommene Erbfolge, Nießbrauchsgestaltungen, Familiengesellschaften oder Stiftungsmodelle – passen zur konkreten Situation?

Und obwohl das Thema Gerechtigkeit eine wichtige Rolle spielt, ist steuerlich gesehen häufig eine Ungleichbehandlung der Parteien sinnvoll: Der operative Nachfolger erhält das Unternehmen, andere Familienmitglieder werden durch Vermögenswerte außerhalb des Betriebs oder durch Abfindungsmodelle bedacht.

Ein weiterer Aspekt ist die Bewertung des Unternehmens. Die ist nicht nur für steuerliche Zwecke relevant, sondern auch für das subjektive Gerechtigkeitsempfinden der Beteiligten. Ist eine Bewertung unrealistisch oder wird sie nicht ausreichend erklärt, kann sie für Streit sorgen. Eine Nachfolgeberatung schafft belastbare Bewertungsansätze, die verständlich sind. So können alle Parteien begreifen, warum der „rechnerische“ Wert nicht mit frei verfügbarem Vermögen gleichzusetzen ist – ein Punkt, der in vielen Familien unterschätzt wird.

Nicht zu unterschätzen ist zudem die Rolle eines neutralen Moderators. Anders als Familienmitglieder oder langjährige Vertraute ist er nicht Teil der emotionalen Dynamik. In Nachfolgegesprächen kann er sachlich aufzeigen, welche steuerlichen und wirtschaftlichen Konsequenzen bestimmte Entscheidungen haben. Die Perspektive des neutralen Moderators kann dazu beitragen, verhärtete Fronten zu erweichen.

Die Praxis zeigt: Eine gut begleitete Unternehmensnachfolge schafft Klarheit, reduziert finanzielle Risiken und gibt allen Beteiligten Planungssicherheit. Sie schützt nicht nur das Unternehmen, sondern häufig auch den Familienfrieden.

Mein Rat lautet daher: Beginnen Sie frühzeitig, sprechen Sie offen und holen Sie sich professionelle Unterstützung. Unternehmensnachfolge ist kein einmaliges Ereignis, sondern ein Prozess. Wer ihn aktiv gestaltet, statt ihn zu verdrängen, erhöht die Chancen erheblich, dass das Lebenswerk nicht im Streit endet.

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