Soft Skills schlagen Fachwissen: Diese Fähigkeiten braucht ihr in der neuen Arbeitswelt

Mit einem Kommentar von

Arne Tiemann

Wirtschaftsprüfer / Steuerberater

Eine Liebesbeziehung war es wahrscheinlich noch nie. Aber viel schlechter als heute könnte das Verhältnis ebenfalls nicht sein. Und zwar das zwischen den Deutschen und ihrem Arbeitsplatz.

Zwei Drittel der Beschäftigten denken laut einer aktuellen Stepstone-Umfrage (BUSINESS INSIDER (BI) berichtete) mehrfach im Monat über einen Jobwechsel nach. Auch die Unternehmen zeigen sich zunehmend skeptisch.

Laut dem Beschäftigungsbarometer des Münchener Ifo-Instituts bauten Firmen in Deutschland im Oktober insgesamt erneut mehr Stellen ab als sie neue schufen. „Trotz leicht verbesserter Konjunkturaussichten halten sie sich bei ihrer Personalplanung weiter zurück“, so das Urteil.

Am Arbeitsmarkt droht damit eine Negativspirale: Unzufriedene Mitarbeiter treffen auf vorsichtige Chefs, die kaum investieren – weder in Köpfe noch in Kultur. Dabei wäre gerade jetzt der Moment, in dem Unternehmen ihre Mitarbeiter stärken müssten, sagen Berater. Denn Erfolg hängt heute weniger von Fachwissen ab als von anderen wichtigen Qualitäten.

„Unternehmen achten bei Einstellungen sehr genau auf Abschlüsse und Tools“, sagt Wolfgang Freibichler von der Unternehmensberatung Porsche Consulting. Dabei seien es heute aber eher „Teamgeist und Frustrationstoleranz“, die Unternehmen erfolgreich und zukunftsfähig machten.

Interne Analysen seiner Beratung zeigen: In Firmen, in denen Mitarbeiter Verantwortung übernehmen können und sich ernst genommen fühlen, sind 86 Prozent motiviert. Wo das nicht gelingt, liegt die Motivation bei nur 41 Prozent. Freibichler: „Psychologische Energie macht häufig den Unterschied aus zwischen ‚wir verwalten‘ und ‚wir gewinnen Marktanteile‘.“

Diese Kompetenzen suchen Arbeitnehmer gerade

Diese „psychologische Energie“ wird also zum Produktionsfaktor. Denn technologische Entwicklungen, allen voran die Künstliche Intelligenz, verändern die Arbeitswelt tiefgreifend. Fähigkeiten wie Empathie, Anpassungsfähigkeit und Kommunikationsstärke gewinnen dadurch massiv an Bedeutung. „Tatsächlich suchen Arbeitgeber heute verstärkt nach Soft Skills“, heißt es in einer Mitteilung der Karriere-Plattform Linkedin aus dem vergangenen Jahr.

Das Netzwerk fragte dafür unter Personalmanagern, welche Kompetenzen sie gerade suchten. Ergebnis: Direkt nach guten Fertigkeiten im Projektmanagement waren dies Kommunikation, Teamwork, analytische Fähigkeiten, Management, Anpassungsfähigkeit und Führungskompetenzen.

„Beschleunigt durch den Fortschritt von KI-Technologien werden sich die Fähigkeiten, die wir für die Arbeit benötigen, bis 2030 um voraussichtlich mindestens 65 Prozent verändern“, so LinkedIn weiter. Unternehmen seien für diesen Wandel auf „Fähigkeiten angewiesen, die menschlichen Mitarbeitern vorbehalten sind“.

Auch das Weltwirtschaftsforum prognostiziert, dass sich 44 Prozent der Arbeitsfähigkeiten bis 2030 verändern werden. Als Top-Kompetenzen nennen die Experten analytisches Denken, Empathie und Belastbarkeit.

Experte Freibichler sieht zudem einen klaren Zusammenhang zwischen Unternehmenskultur und Wettbewerbsfähigkeit. Firmen, in denen klare Ziele und hohe Leistungsstandards gelten, schaffen es zu 64 Prozent, Veränderungen erfolgreich umzusetzen.

Ohne diesen Leistungswillen und Teamgeist liegt der Wert nur bei 19 Prozent. Entsprechende Qualitäten, etwa bei der Kundenorientierung oder im Führungsstil, „wiegen für Firmen gerade schwerer als jedes zusätzliche Budget“, sagt Freibichler.

Was Arbeitgeber tun können

Allerdings: Laut einer Studie der Unternehmensberatung EY sagten im Sommer nur 18 Prozent unter 2000 Befragten, dass sie bei der Arbeit „hochmotiviert“ seien. Beachtliche 24 Prozentpunkte weniger als 2019, als das noch 42 Prozent angaben. Die freie Wirtschaft schnitt dabei noch schlechter ab als der öffentliche Dienst. Machen Unternehmen etwas falsch?

Die Rechnung, dass psychologische Faktoren einen Einfluss auf Firmen und Konjunktur haben, ist immerhin nicht neu. Schon der zweite deutsche Bundeskanzler Ludwig Erhard soll gesagt haben, dass „50 Prozent der Wirtschaft Psychologie“ seien.

Der Wirtschaftsingenieur Kuno Rechkemmer stimmt dem Altkanzler in einem Positionspapier grundsätzlich zu – warnt aber davor, Motivation mit bloßen Wohlfühlmaßnahmen zu verwechseln. „Feedback-Systeme und Feelgood-Formate“ reichten für „komplexe Systeme“ nicht mehr aus, verhelfen Unternehmen also nicht zu neuer Stärke.

Stattdessen komme es auf klassische, greifbare Anreize an – Vergütung, Arbeitsplatzsicherheit, Anerkennung. Denn Zufriedenheit und Wertschätzung führten zu besserer Leistung, hinderlich seien dagegen „Bürokratie, Hierarchie, Mikropolitiken, Anonymität und Intransparenz“.

Dass auch Reformen wie Bürokratieabbau oder bessere Planungsverfahren die Motivation wieder ankurbeln könnten, sieht auch Unternehmerverbands-Geschäfsführer Wolfgang Schmitz mit Sitz in Duisburg so. Aber: „Aktuell nehmen wir in den Unternehmen fast nur Pessimismus wahr“, so Schmitz.

Deutschlands Wirtschaft braucht also nicht nur neue Technologien, sondern eine neue Haltung. Unternehmen, die in Menschen investieren statt in Tools, sichern sich den entscheidenden Vorsprung. Soft Skills sind keine Nebensache mehr, sie sind das Fundament wirtschaftlicher Erneuerung.

Sollte sich an den Umständen bald etwas ändern, gebe es Hoffnung. Dann „kommt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch die psychologische Wende als entscheidender Katalysator“, sagt Schmitz. „Sie stärkt die Risikobereitschaft von Unternehmen und könnte eine Dynamik schaffen, die einen Aufschwung doch noch initiiert.“

BANSBACH kommentiert

Durch KI verursachte Entlassungswellen schlagen bereits hoch ans Ufer: Unternehmen entschlacken ihre Management-Ebenen und ersetzen ihren Kundensupport durch künstliche Agenten. Müssen Arbeitende also ihre Fachkompetenzen hinter sich lassen und sich zukünftig vollständig auf ihre zwischenmenschlichen Fähigkeiten konzentrieren?

Die Antwort sollte sein: Natürlich nicht! Und in vielen Fällen sie ist das auch noch. Berufe mit handwerklichem Hintergrund sowie herstellende Berufe müssen sich noch lange nicht darüber sorgen, dass ChatGPT ihnen den Job streitig macht.

Allen Wissensarbeitenden ist jedoch mittlerweile bewusst, dass Unternehmen, die daran interessiert sind, mit KI mehr Effizienz in den Alltag zu bringen, in ihre Richtung schielen. Gerade für sie muss es also darum gehen, sich gut in den Fähigkeiten zu machen, die KI (noch lange nicht?) ersetzen kann: Softskills, kritisches Denken und Kreativität.

Für Arbeitgeber sind vor allem Softskills interessant, die eine wertschöpfende Wirkung haben – die also einen positiven Effekt auf das eigene Arbeitsverhalten oder das von Kolleginnen und Kollegen haben. Doch wertschöpfende Softskills unterscheiden sich kaum von anderen (nicht wertschöpfenden) Softskills. Das ist auch der Grund, warum viele Unternehmen zukünftig auf sie setzen wollen: Wenn KI die fähigkeitsbasierte Effektivitätssteigerung übernimmt, ist die nächste Stellschraube das Miteinander zwischen den Angestellten. Kommunikationsstarke Menschen sorgen beispielsweise mit ihren Stärken dafür, dass Aufgaben leicht verständlich sind, gut erledigt werden und Konflikte allgemein vermieden werden können – und anpassungsfähige Personen sind in der Lage, auch in neuen oder stressigen Situationen ohne (großen) Produktivitätsverlust weiterzuarbeiten. Ihre Synergien sorgen dafür, dass Unternehmen allgemein besser laufen.

Auch kritisches Denken hat einen wertschöpfenden Effekt: Wer gut im kritischen Denken ist, hinterfragt und analysiert gelieferte Informationen. Ein kritisch denkender Mensch wird beispielsweise Inhalte, die von KIs erstellt werden, nicht als gegeben hinnehmen. Er wird sie prüfen und überarbeiten und bestenfalls im Tandem mit der KI ein besseres Produkt erschaffen. Seine analytische Art sorgt dafür, dass weniger Fehler passieren.

Zuletzt: Kreativität. KI kann auf ihre eigene Art und Weise Content erschaffen – allerdings nicht ohne den Menschen. Hätte KI nicht bereits Unmengen an Inhalten konsumiert und würde sie es nicht weiter tun, würde sie weder existieren noch besser werden. Für wirklich einzigartige Ideen ist sie allerdings nicht gemacht. Sie produziert maximal einen Mittelwert all der Dinge, die für ihr Training genutzt wurden und werden. Und hochwertige, kreative Ideen sind das, was neue Geschäftsfelder entstehen lässt. Immerhin war eine dieser Ideen das Erschaffen der KI selbst.

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