KI macht Jura-Arbeit: War’s das mit den Jobs für Anwälte?

Mit einem Kommentar von

Philipp Kirchner

Rechtsanwalt

Die Zahl spricht erst einmal für sich: 76 Prozent der Rechtsexpertinnen und -experten in Rechtsabteilungen von Unternehmen sowie 68 Prozent der Anwältinnen und Anwälte in Kanzleien nutzen mindestens einmal pro Woche GenAI. Rund 35 Prozent sogar täglich. So die Ergebnisse der Future Ready Lawyer Studie 2024 von Wolters Kluwer.

Und direkt die nächste Zahl: Minus 51 Prozent. Die Frankfurter Sonntagszeitung errechnete auf Basis aktueller Zahlen der Bundesagentur für Arbeit, dass die Anzahl der Ausbildungsstellen in der Rechtsberatung seit 2015 um 51 Prozent gesunken ist. Heißt: Es werden nur noch halb so viele Rechtsanwaltsgehilfinnen und -gehilfen ausgebildet als vor zehn Jahren. In keinem der anderen untersuchten Bereiche – Steuerberatung, Sekretariat und Softwareentwicklung – war der Rückgang krasser.

Hängt das zusammen? Und sind als nächstes die Juristen selbst dran? Nimmt KI ihnen die gut bezahlten Jobs weg?

KI kann Code, Emails, Artikel und genauso gut auch Verträge schreiben Dass KI sehr wohl – auch wenn oft beschworen wird, es sei nicht so – bestimmte Jobs übernimmt, für die dann keine Menschen mehr eingestellt werden, ist Fakt. Das trifft für viele Branchen zu. Aber könnte es sein, dass es Juristinnen und Juristen ganz besonders heftig und schnell erwischt?

Bislang dachte man bei „KI killt Jobs“ vor allem an Entwickler: KI kann Code schreiben und Bugs fixen. Also braucht man weniger Entwickler. KI kann aber auch Verträge aufsetzen und prüfen. Gesetzestexte sichten und Argumentationen verfassen.

Genau deshalb entsteht gerade in der Startup-Szene ein neues, schnell wachsendes Segment: Die AI-Legal-Techs.

AI-Legal-Techs schwer im Vormarsch

Als der VC Headline vergangenen Woche in Paris eine Liste der 100 hoffnungsvollsten AI-Firmen Europas präsentierte, geclustert nach Branchen, in denen AI Anwendung findet, machte der Bereich „Legal“ einen stattlichen Anteil aus. Nur in Coding, Finance und Productivity waren mehr KI-Startups angesiedelt. „Legal Tech ist definitiv einer der Bereiche, in denen KI immens wirkt“, kommentiert Jonathan Userovici, General Partner bei Headline.

Das sei vor allem auf die Fähigkeit von LLMs zurückzuführen, so Userovici weiter, äußerst textlastige Aufgaben, wie sie Juristen nun mal haben, schnell und treffsicher zu beackern. Große Mengen von Daten zu durchforsten, Zusammenhänge zu erkennen und daraus Ergebnisse zu produzieren – das ist quasi die Definition dessen, wie LLMs arbeiten.

Beispiel: Legora aus Schweden

Ganz oben auf der Liste der europäischen AI-Legal-Stars: das schwedische Startups Legora. Ein „Soonicorn“. Gegründet 2023 von Max Junestrand und Sigge Labor in Stockholm. Bei einer Finanzierungsrunde im Mai 2025, als unter anderen General Catalyst, Benchmark und Y Combinator investierten, soll Legora laut Forbes mit 675 Millionen US-Dollar bewertet worden sein.

Die Plattform verarbeitet große Dokumentenbestände. Dokumente wie Schriftsätze. „Sie zieht Fakten, analysiert tausende Dokumente nebeneinander, beantwortet Fragen mit Referenzen und liefert erste Entwürfe“, erklärt Nathalia Schomerus, Legal Innovation Lead bei Legora in Deutschland.

Hier also eine steile These: Können sich Juristinnen und Juristen bald nicht mehr darauf verlassen, nach fünf Jahren lernintensivem Studium und drei anspruchsvollen Staatsexamen, immer einen guten Job zu bekommen? Vorbei die Zeit, in der ihnen die Türen zu den Rechtsabteilungen der großen Konzerne ebenso offen stehen, wie die internationaler Kanzleien?

Noch wähnt man sich da in großer, finanzieller Sicherheit: Laut der Azur-Liste des Branchenmagazins Juve zahlen die Top-Kanzleien Deutschland bisher Einstiegsgehälter von mehr als 100.000 Euro um die Besten für sich zu gewinnen. Drückt KI bald den Preis?

Bundesrechtsanwaltskammer: Keine Panik!

„Die These ist in der Tat sehr steil“, beschwichtigt Rechtsanwalt und Notar Dr. Thomas Remmers, Vizepräsident der Bundesrechtsanwaltskammer (BRAK). Wahr sei: Die beruflichen und rechtlichen Rahmenbedingungen hätten sich durch die praktische Rolle von KI im Anwaltsalltag verändert. Aber: „KI bewirkt langfristig einen Wandel des Berufsbildes, stellt aber keine Bedrohung dar.“

Was sich etwa verändert: Weniger monkey work für Anwältinnen und Anwälte. „Der Einsatz von KI bietet vielfältige Chancen, wenn es um Effizienzsteigerung und die Erfüllung repetitiver Aufgaben geht, um die Anwältinnen und Anwälte entlastet werden.“

Dafür kämen aber neue Aufgaben hinzu. Gute Juristen brauchen künftig mehr altbekannte und ein paar neue Skills. „Der Fokus dürfte künftig noch sehr viel stärker auf Kompetenzen in den Bereichen Kommunikation, Verhandlung, digitalem Verständnis und juristischer Einordnung im digitalen Wandel liegen.

Auch Nathalia Schomerus sieht Legora natürlich nicht als Jobkiller ihrer eigenen Zunft. Legal-AI-Tech-Gründer seien keine Nestbeschmutzer: „Auf keinen Fall, eher das Gegenteil“, sagt sie. KI räume da auf, wo Juristen ihre wertvolle Zeit vergeuden: beim Befüllen von Due-Diligence-Tabellen oder dem Durchkämmen hunderter E-Mail-Threads, etwa als Beweismittel bei internen Untersuchungen und in Gerichtsverfahren. „Diese Automatisierung nimmt ihnen dann nicht die Karriere, sondern sie verlagert Zeit in Analyse, Strategie und Austausch mit Mandanten.“

Für die Kanzleien selbst sei KI ein Win: „Besonders diese eher stumpfen Arbeiten sind oft sogenannte ’non-billable hours’“, sagt sie. „Hoch bezahlt werden Urteilsvermögen, Mandantenführung und Ergebnisqualität; KI sorgt dafür, dass genau dafür mehr Zeit frei wird.“

Und wer denkt an die Jungen?

Ja, aber: Gilt das auch für Berufseinsteiger? Analyse und Strategie – das klingt nach Aufgabenfeldern für Menschen mit praktischer Erfahrung. Und die repetitive Arbeiten sind nun mal die, die den Weg in die Kanzleien pflastern. Das gibt auch Schuberts zu: „Der Berufseinstieg ist oft geprägt von Aufgaben, die wenig Lernkurve bringen.“

Dank KI könnten Jung-Juristen „schneller in anspruchsvollere Aufgaben einsteigen, wodurch sich ihre fachliche Entwicklung beschleunigt“, so Schuberts.

Heißt: Der Job der wird spannender – aber weniger der begehrten Einsteiger-Plätze in der Großkanzlei wird es dennoch wohl geben. Die würden laut eines Berichts des Deutschen Anwaltsspiegels schon jetzt stark um wenige Top-Bewerber konkurrieren. Jetzt schon würde von Junganwälten eine höhere analytische und strategische Fähigkeiten erwartet, berichtet Personalberaterin Nicola Elsner, die seit Jahren den juristischen Arbeitsmarkt beobachtet.

Die Folge: Einstiegsgehälter steigen eher weiter – doch immer weniger bekommen die Jobs. „Künstliche Intelligenz werde deshalb in der Praxis weniger strategisch dazu genutzt, um die Personalkosten und Gehälter zu senken, sondern vielmehr, um mit deutlich schlankeren und hocheffizienten Teams produktiver zu arbeiten und gerade in der aktuell wirtschaftlich angespannten Zeit die Gewinnmargen der Kanzleien nachhaltig zu sichern und auszubauen“, heißt es in dem Bericht des Fachblatts.

Risiken und Grenzen von KI in der Kanzlei

Und natürlich habe die Anwendung von KI in Legal-Angelegenheiten ihre Grenzen. Nathalia Schomerus von Legora etwa erklärt: Ganz allein können die KIs das eh nicht. „Die KI übernimmt den Mittelteil einer Aufgabe. Vor ihrem Einsatz muss die Aufgabe juristisch sauber heruntergebrochen und Teilschritte priorisiert werden, danach liegen juristische Bewertung, Strategie und Verantwortung beim Menschen – erst recht in strittigen oder neuartigen Kontexten.“

Rechtsanwalt und Notar Dr. Thomas Remmers von der BRAK weist – neben Bedenken in Sachen Verschwiegenheitspflicht und Vorschriften der DSGVO – in diesem Zusammenhang auf einen Passus der Bundesrechtsanwaltsordnung hin: „Nach § 43 Satz 1 BRAO ist der Rechtsanwalt zur gewissenhaften Berufsausübung verpflichtet. Besonders relevant ist dabei der Grundsatz der höchstpersönlichen Leistungserbringung, der besagt, dass ein Rechtsanwalt seine Tätigkeit eigenverantwortlich und im Zweifel persönlich zu erbringen hat.“

Sprich: Allein laufen lassen können und dürfen Anwälte die KI keinesfalls. Und damit stimmt am Ende wohl das, was in allen anderen von KI unter Druck‘ gebrachten Branchen gilt: KI nimmt nicht allen hier sofort ihre Jobs weg. Aber die guten Jobs werden künftig die haben, die wissen, wie sie sie mit KI besser machen.

(Der Name dieses Artikels lautet im Original „KI macht Jura-Arbeit: War’s das mit den 150.000-Euro-Jobs für Anwälte?“)

BANSBACH kommentiert

KI macht Rechts-Arbeit. Dabei handelt es sich nicht um eine Frage, sondern um einen Fakt. In vielen Branchen mit wissensbasierten Jobs halten LLMs (Large Language Models) schon seit längerem Einzug und sorgen dafür, dass es weniger Jobs für Einsteiger gibt. Trotzdem können gut funktionierende KI-Lösungen für Rechtsabteilungen ein wahrer Segen sein: Sie nehmen Juristen die klassischen „Fleißarbeiten“ ab. Vor allem für Unternehmen, die Schwierigkeiten haben, geeignetes Personal zu finden (Stichwort Fachkräftemangel), sorgt das für mehr Erleichterung und Potential im Arbeitsalltag.

Vergessen dürfen wir dabei aber Folgendes nicht: Mehr und mehr Mitarbeitende – vor allem in Einstiegspositionen – durch KI zu ersetzen, wird einen Effekt auf den Fachkräftemangel haben. Denn werden diese Jobs weniger, werden in Zukunft noch weniger ausgebildete Arbeitende nachrücken, um den Fachkräftemangel zu bekämpfen. Bestenfalls halten Unternehmen daran fest, weiter neue Mitarbeitende auszubilden und aufzubauen – direkt in Kombination mit jenen KI-Modellen.

Viele Unternehmen wollen in Zukunft in KI investieren. Trotzdem gibt es bei ihnen zwei Stolpersteine, die beim Überqueren für schlechte Gefühle beim Einsatz von LLMs sorgen: Vertrauenswürdigkeit und Datenschutz.

Lösungen wie ChatGPT (die natürlich nicht „out of the box“ für den Einsatz in Rechtsabteilungen geeignet sind) „halluzinieren“ durchschnittlich jede dritte Antwort. Dass sich nicht allein auf die Antworten von KI-Systemen verlassen werden kann und darf, wird auch im Artikel bereits beleuchtet. Juristische Arbeit erfordert Präzision und Korrektheit – eine hohe Fehlerquote kann da entsprechend abschreckend wirken.

Zusätzlich gibt es datenschutzrechtliche Bedenken. Werden die vielen sensiblen Informationen wirklich mit den notwendigen Datenschutzstandards behandelt? Hierfür müssen Rechtsabteilungen Sorge tragen. Andernfalls haften nämlich sie und nicht die KI.

Eine Rechts-KI sollte zusätzlich immer in die bestehenden Systeme der Rechtsabteilung eingebunden und nicht als gesondertes Produkt behandelt werden. Ein Mangel an Schnittstellen oder technischem Wissen kann allerdings dafür sorgen, dass nicht das gesamte Potential des neuen Tools ausgeschöpft wird. Darüber hinaus müssen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Einsatz der KI geschult werden.

Diese Hindernisse sind jedoch mitnichten unüberwindbar. Was Rechtsabteilungen brauchen, ist ein strategischer Ansatz, der von der Integration über Compliance bis hin zur Schulung alles bedenkt. Wie aber kann dieser Ansatz aussehen?

  1. Es muss das richtige Tool gewählt werden. Es sollte eigens für Rechtsabteilungen entwickelt und keine Standardlösung sein. Dann bringt es auch bereits viele Lösungen für die zuvor angesprochenen Probleme mit sich.
  2. Der technologische Stand des Unternehmens muss geprüft werden. Sind die nötigen digitalen/technischen Kompetenzen vorhanden, um KI möglichst nahtlos integrieren zu können?
  3. Stellen Sie fest, ob die Daten in Ihrem Unternehmen zentralisiert, gut geordnet und zugänglich sind. Nur mit einem solchen Datenstamm kann der Einsatz von KI effektiv funktionieren.

Sie sind in der Überlegung KI, in Ihrer Rechtsabteilung einzusetzen? Kontaktieren Sie uns. Wir unterstützen Sie bei der Integration und allen notwendigen Prozessen.

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