Europas digitaler Vorreiter will zurück zum Bargeld

Mit einem Kommentar von

Ute Lauster

Senior Manager

In Schweden kommen Urlauber ohne Probleme über die Runden, ohne auch nur eine einzige Krone im Portemonnaie zu haben. Mehr noch: Wer sich die Mühe macht, Bargeld zu tauschen oder abzuheben, könnte Schwierigkeiten haben, es loszuwerden. Schweden ist eines der Länder weltweit, in denen die Abkehr vom Bargeld am weitesten fortgeschritten ist.

Selbst das Parkticket, die Toilettengebühr oder die Kollekte in der Kirche werden in der Regel mit Karte oder dem schwedischen Onlinebezahlsystem Swish bezahlt. Umso überraschender mag der Schritt wirken, den Stockholm nun gegangen ist: In einem am 1. Juli in Kraft getretenen Gesetz werden bestimmte Geschäfte dazu verpflichtet, neben den digitalen Methoden auch Barzahlung anzubieten. Bisher durften Scheine und Münzen verweigert werden. Die Regelung betrifft zunächst Supermärkte und Apotheken; eine Ausweitung soll geprüft werden. Außerdem müssen Banken dafür sorgen, dass genügend Ein- und Auszahlungsmöglichkeiten für Bargeld vorhanden sind. Die Zahl der Geldautomaten war in den vergangenen Jahren deutlich zurückgegangen, selbst die Mehrheit der Bankfilialen führte zuletzt kein Bargeld mehr.

Der Kurswechsel solle einerseits sicherstellen, dass Menschen ohne Zugang zu den digitalen Systemen nicht vom öffentlichen Leben ausgeschlossen werden, heißt es zur Begründung. Wichtiger aber ist ein anderer Aspekt: die Vorbereitung auf mögliche Krisen. Seit Beginn des russischen Kriegs gegen die Ukraine arbeitet die schwedische Regierung daran, die Resilienz der Gesellschaft zu stärken. Neben klassischen Verteidigungsfähigkeiten geht es auch darum, Schwachstellen im zivilen Raum zu beheben – dazu zählt die große Abhängigkeit von digitalen Zahlungsmethoden, die besonders anfällig für Cyberangriffe, Stromausfälle oder andere Formen der Sabotage sind.

Vor zwei Jahren gab die Regierung eine Untersuchung zum Bargeld in Auftrag, aus der die nun umgesetzten Vorschläge stammen. „Die Widerstandsfähigkeit gegen Cyberangriffe und andere Störungen setzt Redundanz im Zahlungssystem voraus“, sagte Niklas Wykman, zuständiger Minister für die Finanzmärkte, Ende 2025. „Dass Menschen im Alltag verschiedene Zahlungsoptionen nutzen können, ist an sich schon Teil der notwendigen Resilienz.“ Wie sensibel die Zahlungssysteme sind, hat sich mehrfach gezeigt. Etwa 2021, als nach einem Hackerangriff auf einen amerikanischen IT-Dienstleister mehrere Hundert Supermarktfilialen in ganz Schweden lahmgelegt wurden. Oder 2025, als es das schwedische Identifikationssystem BankID traf, auf dem unter anderem die Swish-Zahlungen beruhen. Die schnelle Digitalisierung, einst der große Stolz der Schweden, ist zu einem wunden Punkt im Zivilschutz geworden.

Die schwedische Zentralbank empfiehlt, stets 1000 Kronen (umgerechnet etwa 90 Euro) in bar für Notfälle zu Hause zu haben und auch im Alltag gelegentlich mit Bargeld zu zahlen, um die Infrastruktur funktionstüchtig zu halten. Auch im schwedischen Parlament ist man sich offenbar einig, dass die Rettung des Bargelds ein notwendiger Schritt ist: Alle Parteien hätten für die Gesetzesänderung gestimmt, berichten schwedische Medien. Die Schweden aber scheinen skeptisch zu bleiben. Trotz der wiederholten Warnungen seit 2022 ist der Anteil der Barzahlungen in den vergangenen Jahren weiter gesunken. Laut einer YouGov-Umfrage ist nur für ein Viertel der Schweden Bargeld die häufigste Zahlungsmethode; unter den deutschen Befragten waren es fast drei Viertel. 27 Prozent der Schweden bezahlen demnach nie mit Scheinen und Münzen, gegenüber zwei Prozent in Deutschland. Wird durch das neue Gesetz Barzahlung wieder zugänglicher, könnte das die Entwicklung zumindest bremsen. Ein kompletter Sinneswandel der traditionell äußerst technologieaffinen Schweden scheint aber unwahrscheinlich – auch, weil es zunächst noch viele Ausnahmen bei der Regelung gibt. Etwa für Supermärkte mit Selbstbedienungskassen oder wenn es Sicherheitsbedenken gibt.

Einige Läden haben zudem angekündigt, dass sie sich nicht an das Gesetz halten wollen. Parallel zur Förderung des Bargelds arbeitet die Zentralbank darum bereits an Alternativen: Künftig soll die E-Krone, eine Art digitale Währung, die direkt bei der Zentralbank geführt wird und auch offline nutzbar wäre, das klassische Bargeld ergänzen. Auch auf EU-Ebene wird das derzeit ausführlich diskutiert: Der digitale Euro hat mit der Zustimmung des Wirtschafts- und Währungsausschusses im EU-Parlament kürzlich eine wichtige Hürde genommen. Doch bis Krone und Euro in digitaler Form eingeführt werden, dürfte es noch Jahre dauern. Bis dahin führt an Scheinen und Münzen zur Krisenvorsorge erst einmal kein Weg vorbei – auch nicht in Schweden.

BANSBACH kommentiert

Schwedens neue Bargeldpflicht trägt ein Risiko. Denn: Supermärkte und Apotheken sollen Scheine und Münzen annehmen, zugleich bestehen Ausnahmen für unbemannte Kassen und Sicherheitsbedenken. Kündigen Händler offen Widerstand an, braucht es sicher mehr als politische Appelle.

Die Durchsetzung ist nur eine Seite. Bargeld eignet sich nämlich als Reserve nur, wenn es im Alltag auch zirkuliert. Menschen müssen es abheben können, Betriebe brauchen Wechselgeld und Einzahlungsstellen, Beschäftigte müssen mit der Handhabung vertraut bleiben. Eine Schublade mit Notfallkronen ersetzt diese Kette nicht.

Das macht den schwedischen Ansatz unbequem: Resilienz kostet auch dann Geld, wenn die Infrastruktur selten genutzt wird. Wer die Bargeldannahme verlangt, muss zugleich verlässliche Zugänge und wirtschaftlich tragbare Abläufe sichern. Andernfalls verlagert der Staat seine Pflichten auf Banken und Händler.

Seit Juli lassen sich viele physische Karten bei Kommunikationsausfällen für wichtige Einkäufe offline nutzen. Auch diese Lösung bleibt jedoch von Geräten, Energie und funktionierender Annahmetechnik abhängig. Zusätzlich ist die E-Krone ist bislang nicht beschlossen. Die Reichsbank empfiehlt zunächst lediglich eine Untersuchung der erforderlichen Rechtsänderungen. Digitales Zentralbankgeld kann das System eines Tages ergänzen, einen analogen Notausgangaber nicht ersetzen..

Vielleicht wird eines Tages mit einer E-Krone bezahlt, während das Mobilfunknetz ausgefallen ist. Bis dahin liegen an schwedischen Kassen Karten, Scheine und Münzen nebeneinander. Welche davon während der nächsten Störung noch funktionieren, lässt sich jedoch mitnichten per Gesetz festlegen.

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