Die neue Lust am Unternehmertum

Mit einem Kommentar von

Narayanin Alexandre

Professional, Financial

Der „Herbst der Reformen“ hat die Kritik am Wirtschaftsstandort kaum gedämpft. „Unternehmerfeindlich“ sei der Standort Deutschland, heißt es von Wirtschaftsvertretern noch immer – obwohl Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) eigentlich grundlegende Veränderungen, zum Beispiel in Form von Bürokratieabbau oder einer Reform des Bürgergelds, versprochen hatte.

Während die politischen Veränderungen auf sich warten lassen, gibt es auf das Jahr betrachtet doch eine positive Entwicklung. Diese hat die HDI-Versicherung kürzlich in einer repräsentativen YouGov-Umfrage ermittelt: Das Interesse der Deutschen an einer Selbstständigkeit steigt. Das Papier lag WELT exklusiv vor. Laut den Ergebnissen der Erhebung sind vor allem die Jüngeren gerade gut auf eine mögliche Unternehmertätigkeit und selbstständige Arbeit zu sprechen. 52 Prozent der Unter-25-Jährigen Angestellten sagten, dass eine solche Beschäftigungsart für sie „grundsätzlich infrage“ komme. Zum Vergleich: 2024 lag die Zustimmung noch bei 40 Prozent.

Auch im Bundesdurchschnitt steigt das Interesse an Jobs jenseits des Angestelltenverhältnisses, wenn auch deutlich leichter von 33 Prozent 2024 auf 34 Prozent 2025. Unter Angestellten, die älter als 40 sind, sinkt die Selbstständigkeits-Bereitschaft leicht, von 28 auf 26 Prozent. Reicht das, um von Optimismus zu sprechen? Aus Sicht der HDI-Versicherung ist die Entwicklung insgesamt positiv. „Der Unternehmergeist hat maßgeblich zum Wohlstand Deutschlands beigetragen“, so HDI-Chef Jens Warkentin. „Deshalb ist die Förderung des Unternehmertums für unsere Gesellschaft existenziell.“

Von flächendeckendem Aufschwung zu sprechen, wäre allerdings noch verfrüht. Denn vor allem den Angestellten in zwei Branchen weist die HDI-Umfrage ein besonders hohes Interesse an einer Selbstständigkeit aus: jenen aus den Bereichen der Informations- und Kommunikationstechnologie und der Fertigungsbetriebe.

Hier sagten 59 und 40 Prozent, dass sie sich einen Wechsel aus dem Angestelltenverhältnis vorstellen könnten. Angestellte, die sich mit Verkehr und Logistik befassen, waren deutlich weniger daran interessiert. Die Zustimmung lag hier nur bei 19 Prozent. Im Sicherheits- und Reinigungsgewerbe könnten sich nur 15 von 100 Angestellten eine eigenständige Tätigkeit vorstellen. Dazu kommt: Laut einer weiteren HDI-Umfrage ist auch der öffentliche Dienst nicht gerade uninteressant für Arbeitnehmer. Demnach würden sich bei einem Jobwechsel mittlerweile unter allen Altersgruppen 43 Prozent auch für einen Job bei einer staatlichen Stelle umsehen, nur 40 Prozent in der Privatwirtschaft. 42 Prozent der Unter-25-Jährigen stünden der freien Wirtschaft eher skeptisch gegenüber.

„Die Ergebnisse lassen auf eine Polarisierung innerhalb der jungen Generation schließen“, sagt HDI-Chef Warkentin. Die Zahlen bedeuten aber ebenfalls: Beschäftigungsverhältnisse werden heute auch vorrangig danach ausgewählt, wie viel Freiheit sie bieten und wie belastend sie sind. Wettbewerbsorientierung hingegen steht weniger im Vordergrund. „Zum einen ist der Wunsch nach einem sicheren Job im öffentlichen Dienst vorhanden, auf der anderen Seite streben immer mehr junge Berufstätige nach persönlicher Entfaltung in Form einer beruflichen Selbstständigkeit“, so Warkentin.

Die tatsächliche Gründungs-Praxis am Markt beschreibt dabei der sogenannte Gründungsmontor der Förderbank KfW. Das Institut erfasst, wo und in welcher Form gegründet wird und urteilt: „Blickt man auf die längerfristige Entwicklung und die Struktur, so zeigt sich trotz des leichten Anstiegs, dass sich die Gründungstätigkeit in Deutschland seit 2018 in einem Seitwärtstrend befindet.“ Das bedeute: „Die Entwicklung 2024 ist ein Nettoeffekt aus einem etwas stärkeren Plus bei Nebenerwerbsgründungen und einem leichten Minus bei Vollerwerbsgründungen.“

Gleichzeitig bleiben auch andere Instanzen des Unternehmertums kritisch gegenüber der Gesamtlage. Das Münchener Ifo-Institut etwa sieht sogar eine Verschlechterung, und zwar bei den bestehenden Unternehmen. Laut Zahlen aus dem November ist der Anteil derer, die ihre Existenz bedroht sehen, im Jahr 2025 auf 8,4 Prozent gestiegen, nach 7,3 Prozent im Jahr 2024. Im Einzelhandel etwa fürchten besonders viele Betriebe ihr baldiges Aus, hier sind es 15 Prozent. Unter Dienstleistern und Großhändlern waren es noch immerhin je 7,6 Prozent. „Wegen fehlender neuer Aufträge, schwacher Nachfrage und zunehmendem internationalem Wettbewerb stehen zahlreiche Unternehmen unter Druck“, lässt sich Ifo-Umfragechef Klaus Wohlrabe in der Mitteilung zitieren.

Das steigende Interesse an Unternehmensgründungen lässt also längst nicht auf eine wirklich verbesserte Lage am Standort schließen. Bei Start-up-Gründungen gab es zwar 2025 ein Plus von neun Prozent gegenüber dem Vorjahr. Gleichwohl fehlt es weiterhin an erfahreneren Gründern, deren Unternehmen zwar oft konventionellere Produkte anbieten, dafür aber auch insgesamt widerstandsfähiger sind. Diese „Silver-Gründer“ – Menschen, die mit über 40 ein eigenes Unternehmen aufbauen – werden trotz ihres Erfahrungsvorteiles laut den HDI-Umfrageergebnissen immer weniger zuversichtlich in Bezug auf eine Selbstständigkeit.

Zwei Drittel der Über-40-Jährigen lehnen eine Selbstständigkeit demnach „grundsätzlich ab“. Selbstständige ab 45 sagten außerdem zu 28 Prozent, dass sie den „Fortbestand ihres Unternehmens“ in den kommenden fünf Jahren als „gar nicht oder weniger sicher“ einschätzten. Unter den Jüngeren, die schon eine eigene Tätigkeit oder Firma aufgebaut haben, waren es nur 22 Prozent.

Fehlende Erfahrung kann für Unternehmen in der Realität jedoch ein Risiko sein. Die Frage, wie man selbst zu einer Selbstständigkeit stehe, sieht die Industrie- und Handelskammer Lahn-Dill daher nur als erste Frage vor einem wirklichen Eintritt in eine Freiberuflichkeit oder dem Start der eigenen Firma. Sinnvolles Vorgehen bedeute in der echten Welt, sich „besonderen Herausforderungen und Anforderungen“ stellen zu müssen. Erst, wer sich das überhaupt zutraue, sollte darüber nachdenken, ob die richtigen Qualifikationen vorhanden sind. Frühestens im dritten Schritt gehe es daran, eine Idee zu konkretisieren. Umgedreht vorzugehen, sei hingegen nicht ratsam.

In weiteren Schritten, so die Handelskammer, könnten sich Interessierte dann darum kümmern, welche Weiterbildungen oder Geschäftspartner eine Gründung erleichtern und die Aussichten auf Erfolg erhöhen würden und ihre Selbstständigkeit so vorbereiten. Insgesamt schätzen die Experten übrigens auch die Rolle des privaten Umfelds als sehr wichtig für den Erfolg einer eigenen Unternehmung an. Hier könnte die HDI-Umfrage eine Orientierung bieten: Eine zu hohe Sympathie zu einem Angestelltenverhältnis unter Verwandten könnte für das eigene Geschäft hinderlich sein. Erst, wenn diese Punkte geklärt sind, gehe es darum, sich näher über ein konkretes Geschäftsmodell Gedanken zu machen.

Wo ist der Unternehmer-Optimismus in Deutschland besonders groß? Laut HDI sind es vor allem Bremer, die in einer Selbstständigkeit eine gute Alternative zum angestellt sein sehen. Das Bundesland erreichte mit 49 Prozent die höchste Zustimmung bei der Frage, ob eine unabhängige Tätigkeit infrage komme. In den Stadtstaaten Hamburg (47 Prozent) und Berlin (45 Prozent) war die Rückmeldung hoch. In Sachsen (23 Prozent zeigten Interesse an einer Selbstständigkeit) waren deutlich mehr Angestellte gegen eine Aufgabe ihres Beschäftigungsverhältnisses.

BANSBACH kommentiert

Berufliche Freiheit ist auch in Deutschland ein wichtiger Faktor für die Verwirklichung vieler Menschen. Mehr und mehr wollen selbstständig arbeiten: Sie wollen Verantwortung übernehmen und ihre eigenen Entscheidungen treffen. Dagegen drückt allerdings das Bedürfnis nach Sicherheit im Beruf – vor allem in wirtschaftlich unsicheren Zeiten wie den unseren.

Allerdings schwankt je nach Branche die Bereitschaft zur Selbstständigkeit stark. Dort, wo Fachkräfte ihre Leistungen recht unabhängig anbieten können – wie in der Informations- und Kommunikationstechnologie – ist sie recht hoch. In diesen Branchen sehen viele Angestellte realistische Chancen, Ihre Dienstleistungen zu nutzen oder Erzeugnisse anzubieten, um am Markt erfolgreich zu sein. Nicht zuletzt aufgrund überschaubarer Eintrittsbarrieren, einer guten Nachfrage und Arbeitsmodellen, die Flexibilität ermöglichen.

Beschäftigte im Bereich Verkehr und Logistik oder im Sicherheits- oder Reinigungsgewerbe beurteilen ihre Chancen, als selbstständiger Unternehmer erfolgreich zu sein, jedoch eher als schlecht (HDI-Versicherung / YouGov-Umfrage). Ihnen fehlt es jedoch nicht an Unternehmergeist. Ein hoher Preisdruck, geringe Margen, eine starke Abhängigkeit von Auftraggebern und eine Arbeit, die körperlich sehr belastend ist, machen den Schritt in die Selbstständigkeit deutlich risikoreicher.

Ob jemand in die Selbstständigkeit geht, hängt also nicht nur vom Unternehmergeist ab, sondern auch davon, ob das Umfeld dafür die Möglichkeiten bietet. Es braucht – neben Mut – ein realistisches Bild der eigenen Branche. Sind dort die Märkte stark reguliert und der Wettbewerb passiert fast nur über den Preis einer Dienstleistung oder eines Erzeugnisses, wird die gewünschte wirtschaftliche Freiheit in der Selbstständigkeit häufig beschnitten. Entsprechend entscheiden sich Menschen mit einem solchen Ausblick häufig für die Variante mit mehr Sicherheit: die Anstellung.

Wichtig ist, die Entscheidung, selbstständig zu sein, nicht nur auf ideologischer Grundlage zu treffen. Wer selbstständig ist, kann Freiheit genießen – trägt aber auch eine große Verantwortung für die eigene Situation und macht sich stark vom Markt abhängig. Dem gegenüber steht das Angestelltenverhältnis mit mehr Sicherheit und weniger Freiheit.

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